Zug um Zug der Sonne folgen

Ein Tiefdruckgebiet über halb Europa, 80 km im Dauerregen und eine düstere Wettervorhersage – so macht eine Woche Radfahren keinen Spass. Dank unserer Ausrüstung können wir handeln: Mit den Tablets die Sonne finden, dort neue Routen planen, Hotels umbuchen und dank Falträdern mit der Eisenbahn in kurzer Zeit grosse Distanzen zurücklegen.

Aus den ursprünglich geplanten 400 km mit dem Fahrrad wurden schliesslich 450 km mit der Bahn und 330 km mit den eigenen Rädern. Bis auf wenige Ausnahmen bei bestem Wetter.

Dieser Beitrag ist keine Reiseempfehlung, sondern vielmehr eine kleine Fallstudie zum Thema Flexibilität. Über die Flexibilität von Falträdern, aber auch der Einstellung: Nicht zu lange am ursprünglichen Plan festhalten und notfalls auch mal eine Hotelübernachtung sausen lassen, wenn man sich dafür eine schöne Urlaubswoche erkauft.

Gute Regenkleider sind auf Radtouren unerlässlich. Immerhin kommt man einigermassen trocken ans Ziel. Viel Freude will dabei trotzdem nicht aufkommen. Das geht bei Sonnenschein besser.

Die ungewöhnliche Route

Die blauen Linien sind Radwege, die roten Schienenwege. Eine gut geplante Radtour sieht anders aus. Es war auch schade, nicht der Garonne und dem Canal du Midi folgen zu können. Aber eben – lieber ein andermal bei Sonnenschein.

Ein Tag in Toulouse ist übrigens sehr empfehlenswert. Die Stadt hat viel zu bieten und ist wohl auch dank der vielen guten Jobs bei Airbus in bester Verfassung.

Somit kein Drama. Auch Südfrankreich, die Mittelmeerküste und die üppige Vegetation im Frühling eignen sich für ein paar Tage Radfahren. Die Retortenorte am Mittelmeer sind nicht jedermanns Sache; in der Vorsaison sind sie wenigstens nicht überlaufen.

Bevor ganz Frankreich im Juli und August ans Meer fährt, kann man selbst in Narbonne Plage noch Ruhe finden.

Was uns beim Umplanen geholfen hat

Die wichtigste Voraussetzung ist die grundsätzliche Bereitschaft, eine detaillierte und aufwendige Reiseplanung sausen zu lassen und sich ad hoc neu zu organisieren. Leider bedeutet das auch, gelegentlich die eine oder andere Hotelübernachtung verfallen zu lassen, da man zu kurz vor Termin ist, um noch stornieren zu können.

Was uns zudem geholfen hat:

  • Wir schwören auf unsere Tablets – eine Falttastatur erleichtert die Sache. Handys haben zu kleine Bildschirme, um neue Routen zu planen. Genügend Roaming-Datenvolumen gehört auch dazu, um wirklich handlungsfähig zu sein. Entsprechende Datenpakete kann man kurzfristig online kaufen.
  • Komoot funktioniert auf Tablets bestens und kann die Eckdaten einer neuen Route schnell ermitteln. Wie lange, wie viele Höhenmeter, was für Untergrund etc. – alles kann in wenigen Minuten abgeklärt werden. Wir nutzen übrigens das Premium-Paket.
  • Wenn die Wetterprognosen unsicher sind, konsultieren wir drei verschiedene Wetter-Apps und beurteilen dann, was uns am wahrscheinlichsten erscheint. Dazu ist es hilfreich, immer mit den gleichen Quellen zu arbeiten, um diese kennenzulernen. Wetter-Apps scheinen ziemlich konstant entweder zu optimistisch oder zu pessimistisch zu sein.
  • Wir buchen Hotels, wenn immer möglich, kostenfrei stornierbar. Das kostet im Allgemeinen etwas mehr, gibt aber auch die nötige Flexibilität für Umplanungen. Wir hätten trotzdem drei Hotelübernachtungen verloren, konnten aber in zwei Fällen mit dem Hotel telefonisch eine Lösung finden. Anrufen funktioniert besser, als eine zu Mail zu schicken. Meistens wollen die Leute im Gespräch helfen.
  • Womit auch gesagt ist, dass Sprachkenntnisse hilfreich sind. Englisch geht in den meisten Ländern, fast überall wird jedoch Konversation in der Landessprache geschätzt und honoriert.
  • Die Bahn-App des Reiselandes ist ein Muss. Man findet leicht Zugverbindungen und kann auch gleich Plätze in Schnellzügen reservieren. Bei der ersten Benutzung ist es noch mühsam, weil man sich nicht zurechtfindet, aber bald kennt man sie wie die App des Heimatlandes.
  • Flexible Kleidung, welche an verschiedene Temperaturen und Aktivitäten angepasst werden kann. Das bekannte Zwiebelsystem und besser ein leichter, dunkelblauer Pullover, anstelle eines orangen Bike-Shirts. Damit ist man tagsüber, aber auch abends gut gerüstet.

Unsere Falträder konnten auf dieser Reise ihre Vorteile richtig ausspielen. Sie waren jedoch eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Ebenso wichtig war die Bereitschaft, eine sorgfältig geplante Reise kurzfristig auf den Kopf zu stellen, d.h. auch loszulassen.

Wer sich schwer damit tut, sei an die Sunk-Cost-Fallacy erinnert. Dabei handelt es sich um eine kognitive Verzerrung, bei der Menschen irrationale Entscheidungen treffen, indem sie vergangene Investitionen oder Ausgaben berücksichtigen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Was für ein Unterschied zu einer Woche im Regen: Pain au Chocolat in der Morgensonne, belebte Gassen am Abend bei milden Temperaturen und Musse auch die kleinen Momente an der Strecke geniessen zu können.


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