Das Brompton G-Line hat das Potenzial, ein sehr gutes Reiserad zu werden. Es ist stabil, kann vorne und hinten Gepäck tragen und läuft mit seinen 20-Zoll-Rädern auch abseits des Asphalts gut. Die Geometrie ist auch für längere Strecken geeignet.

Auf einem bequemen und tourentauglich ausgestatteten Rad macht man längere Tagesetappen und braucht sich vor Steigungen und schlechten Wegen keine Sorgen zu machen. Das G-Line ist ein Faltrad mit viel Potential, ein grossartiges Reiserad zu sein.
Es wird jedoch als Gravel-Faltrad angeboten. Um ein wirklich gutes Reiserad zu werden, lohnt es sich, Optimierungen an Schaltung und Bereifung vorzunehmen.
Die beste Reise-Schaltung
Beginnen wir mit der Schaltung. Die Alfine 8-Gang Schaltung hat zwar einen guten Ruf für ihre Zuverlässigkeit, bietet aber mit nur 306% Spreizung einen etwas engen Entfaltungsbereich für Reisen mit Gepäck. Die Entfaltung beschreibt, wie weit das Rad bei einer Kurbelumdrehung kommt – eine wichtige Grösse, um Steigfähigkeit und Reisetempo zu beurteilen. Man braucht mehr Bandbreite, um in der Ebene zügig voranzukommen und bei langen Anstiegen nicht zu viele Körner zu verbrennen.
Hier bietet sich die Speedhub von Rohloff an. Sie hat eine Spreizung von 526% und 14 Gänge mit einer Abstufung von 13.6%. Mit einem 54er Kettenblatt und einem 16er Ritzel deckt sie damit einen Entfaltungsbereich von 1.4 bis 7,5 Metern ab, was einem modernen Mountainbike entspricht.
Der Wirkungsgrad soll dem einer Kettenschaltung nahe kommen, das Gewicht ist kaum höher als bei einer Alfine und auch sie gilt als sehr zuverlässig. Die Rohloff Speedhub ist die Referenz für Reiseräder: unverwüstlich, präzise, langlebig – und damit oft die erste Wahl für Globetrotter.


Die Speedhub ist kaum grösser und schwerer als die Alfine. Die typischen zwei Schaltzüge müssen sorgfältig positioniert werden, um beim Falten nicht geknickt zu werden. Die wuchtige Drehmomentabstützung sollte in jedem Fall genügend Reserve bieten.
Leider bietet Brompton keine G-Line mit Rohloff-Nabe an. Es bleibt also nichts anderes übrig, als diese beim Fachhändler nachrüsten zu lassen. Alfine raus und das mit Speedhub neu eingespeichte Rad wieder rein. Ganz einfach ist das nicht, denn es gibt knifflige Details bei der Drehmomentabstützung und der Zugverlegung zu lösen, um den Faltvorgang des G-Line nicht zu stören.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Jetzt klettert das G-Line willig auch über 10% Steigung und lässt sich in der Ebene noch mit 35 km/h bei normaler Trittfrequenz treten.
Tourentaugliche Reifen
Die Schwalbe G One Reifen rollen recht gut und bieten einen angenehmen Kompromiss zwischen Asphalt- und Schotterreifen. Dennoch sind sie eher auf graveltypisches Terrain ausgelegt – mit leichtem Profil und einer Konstruktion, die mehr Komfort auf unbefestigten Wegen bieten soll. Für Touren die überwiegend auf Asphalt stattfinden, gibt es jedoch bessere Alternativen.
Hierfür sind die von Brompton empfohlenen Continental Urban Contact in 20 × 2.0 Zoll eine hervorragende Wahl. Sie sind speziell für den Stadt- und Toureneinsatz konzipiert – also genau das richtige für lange Etappen auf wechselnden Untergründen.
Auf Asphalt haben die Urban Contact Reifen einen ca. 10 Watt geringeren Rollwiderstand die G One. Das klingt nach wenig, ist aber viel, wenn man bedenkt, dass man auf langen Touren mit einer Reisegeschwindigkeit von 15 – 20 km/h nur 80–100 Watt Tretleistung aufbringt. Das bedeutet: Allein durch den Reifenwechsel kann man 10–12 % Energie sparen, ohne langsamer zu fahren.
Ein weiterer Vorteil: Die Urban Contact verfügen über eine Gewebeschicht, die deutlich zuverlässiger gegen Schnitte, Glasscherben und spitze Steine schützt. Auf Touren, bei denen ein platter Reifen immer ärgert, ist das ein echter Pluspunkt.
Trotz ihrer glatten Lauffläche bieten die Urban Contact Reifen überraschend guten Grip auf festem Schotter. Der breite Querschnitt (2.0”) ermöglicht einen niedrigeren Luftdruck, was den Komfort erhöht und die Traktion verbessert. Gerade bei kleinen 20”-Rädern ist der Reifen ein wichtiger Bestandteil der Federung. Mit einem etwas niedrigeren Luftdruck (z. B. 3.5–4 bar bei vollem Gepäck) kann man den Komfort spürbar erhöhen – ohne dass der Rollwiderstand merklich ansteigt.
Gepäck transportieren
Das Fronttragesystem von Brompton ist sehr praktisch. Eine passende Tasche wird in Sekundenschnelle auf den Trägerblock geklickt – ganz ohne Wackeln oder Beeinflussung des Lenkverhaltens, weil die Tasche nicht am Lenker, sondern direkt am Hauptrahmen befestigt ist. Selbst bei voller Beladung bleibt das Handling stabil und präzise, auch bei niedrigen Geschwindigkeiten oder beim Anfahren am Berg.


Vorne die 17-Liter-Tasche von Brompton, hinten die 24-Liter-Tasche von Ortlieb. So hat man mehr als genug Stauraum. Durch die Gewichtsverteilung auf zwei Taschen sind sie angenehm zu tragen – und machen auch im Hotel einen guten Eindruck.
Die maximale Belastung der vorderen Halterung beträgt 10 kg – das ist für Tages- oder Wochenendtouren meist ausreichend. Aber: Die meisten wasserdichten Taschen, z. B. der Borough Waterproof Backpack 17 L, bringen mit dem Aluminiumrahmen rund 1,5 kg Eigengewicht mit. Real bleiben also etwa 8,5 kg Nutzlast, was schnell erreicht ist.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass das G-Line mit stabilem Gepäckträger und Schutzblechen ausgestattet werden kann – beides essenziell für längere Touren. Auf dem Träger lässt sich problemlos eine kleine Gepäckrolle befestigen. Damit steigt nicht nur die Gesamtkapazität deutlich, auch das Gewicht verteilt sich besser – was wiederum die Fahrsicherheit erhöht.
Es lassen sich jedoch keine Seitentaschen anbringen, da der Hinterbau zu kurz ist und man beim Treten mit den Fersen die Taschen berührt. Auch bei der Gepäckrolle muss darauf achten, dass diese schmal ist und nicht seitlich zu weit über den Träger hinausreicht.
Ich fahre vorne mit dem Borough Waterproof Backpack (17 Liter). Hinten kommt das Ortlieb Rack-Pack 24 Liter zum Einsatz. Diese Kombination bringt 41 Liter Volumen, ist wasserdicht, leicht zugänglich und bietet sogar Platz für sperrigere Gegenstände wie z. B. ein zweites Paar Schuhe und Jeans für das Abendprogramm.
Der Einfluss des Gewichts
In obiger Ausstattung wiegt der G-Line ca. 15.5 kg. Mit Ergogriffen und Werkzeugtasche am Sattel zeigt die Waage 16 kg an. Die Speedhub und die Conti-Reifen sind zwar etwas schwerer als die Originalteile, was aber durch den ca. 5% höheren Wirkungsgrad der Speedhub gegenüber der Alfine und den ca. 10% geringeren Rollwiderstand der Continental Reifen mehr als kompensiert wird.
Zudem liegen Reiseräder mit Schutzblechen, stabilen Gepäckträgern oft im Bereich von 15 Kg, ohne dass diese faltbar sind. Bezogen auf das gesamte Sytemgewicht von Rad, Fahrer und Gepäck – welches im Bereich von 100 – 120 Kg liegt – spielen die wenigen Kilogramm Mehrgewicht sowieso keine Rolle.


Auch auf dem Bahnhof wird das G-Line besser aufgefaltet transportiert und erst unmittelbar auf dem Bahnsteig gefaltet. Trotz der Rollen am Gepäckträger ist man so auch in überfüllten Bahnhofshallen mobiler unterwegs und schleppt keine Taschen.
Um die Eignung des G-Line als Reiserad zu beurteilen, muss man aber fairerweise auch den Einfluss der kleinen 20-Zoll-Räder und der etwas aufrechteren Sitzposition berücksichtigen.
Der Einfluss der Radgrösse und Sitzposition
Ein Fahrrad mit 20-Zoll-Rädern hat einen höheren Rollwiderstand als eines mit 28-Zoll-Rädern. Das ist keine Überraschung. Erstaunlich ist jedoch, wie gering dieser Unterschied in der Praxis tatsächlich ist – zumindest auf Asphalt und typischen Reisegeschwindigkeiten.
Bei einer Geschwindigkeit von 15 – 20 km/h in der Ebene benötigt man mit 20-Zoll-Rädern auf Asphalt etwa 5 Watt mehr Leistung als mit 28-Zoll-Rädern, vorausgesetzt die Reifen sind identisch (Hersteller, Breite, Profil). Bezogen auf eine typische Tretleistung von rund 90 Watt sind das nur um 5 % mehr.
Dieser Unterschied beim Rollwiderstand ist klein, aber über eine längere Strecke summiert sich der zusätzliche Energieverbrauch. Bei einer 60 km langen Tour mit 500 Höhenmetern ergibt sich ein Energiebedarf von etwa 65 Wh für das 28-Zoll-Reiserad – und rund 73 Wh für das 20-Zoll-Faltrad. Das sind dann doch über 12 % mehr Energie. Es ist leider so, dass auch eine kleine konstante Mehrleistung über lange Zeit zu einem deutlich größeren Energiebedarf führt – der Unterschied wächst mit der Zeit.
Die aufrechte Sitzposition bremst mehr als die kleinen Räder
Bei höheren Geschwindigkeiten als 20 km/h wird der Energiebedarf jedoch schnell grösser. Denn während der Rollwiderstand nahezu konstant bleibt, steigt die für den Luftwiderstand benötigte Tretleistung mit der dritten Potenz der Geschwindigkeit.
Bei einer Verdopplung der Geschwindigkeit (z. B. von 20 auf 40 km/h) bedeutet das: Achtmal mehr Leistung nur für den Luftwiderstand. Darum haben Rennräder tiefe Lenker und darum werden wir von Rennradfahrern immer überholt.
Man kann also festhalten: Die kleineren Räder und die aufrechtere Sitzposition führen vor allem zu einer etwas geringeren Reisegeschwindigkeit. Dann jedoch nicht zu einem höherem Energieverbrauch. Schon mit 18 km/h ist der Nachteil der kleineren Räder und aufrechterer Sitzposition gegenüber einem 20-Zoll Reiserad bei 20 km/h egalisiert. Man kommt etwas später am Ziel an, nicht jedoch erschöpfter.
Test in der Provence
Soweit die Theorie – aber wie fährt sich der G-Line mit Gepäck? Eine Tour durch die Provence rund um den Luberon soll es zeigen. Doch es kommt anders. Nach zwei schönen Tagen kündigt sich tagelanger Regen an. Das wollen wir uns nicht antun, brechen die Tour ab und testen das G-Line und das Birdy auf ihre Transportfähigkeit in Überlandbussen.


Avignon ist mit der Eisenbahn bequem und schnell zu erreichen, zumindest wenn man eine TGV-Verbindung hat. Vor der Hochsaison findet man in der Stadt noch reichlich Platz in Hotels und Restaurants. Der Luberon Naturpark ist bei Regen jedoch keine Empfehlung.
Allerdings mussten wir viermal umsteigen, was mit dem G-Line deutlich weniger komfortabel ist, als mit einem leichteren Faltrad wie z.B. dem C-Line. Der Gewichtsunterschied von ca. 3 kg macht sich beim Heben in ein Gepäckfach deutlich bemerkbar. Auch das Befestigen der Tasche auf dem G-Line Gepäckträger mit Gummischnüren ist umständlicher als das An- und Abklicken der Seitentaschen am dem Birdy.
Aber das ist ein kleiner Preis für den deutlich höheren Fahrkomfort. Zumindest bei meiner Körpergröße von 185 cm sitzt man auf dem G-Line bequemer als dem C-Line. Die Conti Reifen laufen auf unterschiedlichstem Untergrund gut und haben auch immer genügend Grip. Die Rohloff Speedhub läuft wie erwartet seidenweich und macht bei jedem Schaltvorgang Freude.


Trotzdem gib es Grenzen, wofür sich ein G-Line eignet. Auf einem ehemaligen Bahntrasse läuft es wunderbar, auf einer nicht klug gewählten Abkürzung wird es zur Last. Aber eben – es ist ein Reiserad und kein Mountainbike.
Fazit
Auch wenn das Brompton G-Line durch seine 20-Zoll-Räder und rund 3 kg Mehrgewicht gegenüber einem leichteren Rad auf dem Papier weniger effizient wirkt als ein klassisches 28-Zoll-Tourenrad – der Unterschied in der Praxis ist erstaunlich gering.
Auf einer typischen Tour von 60 km mit 500 Höhenmetern, bei der man es mit gemütlichen 15 – 20 km/h angeht, ist der zusätzliche Energiebedarf gering. Die 3 kg Mehrgewicht machen im Gebirge vielleicht einen minimalen Unterschied, aber auf Touren wie dieser sind sie kaum spürbar.
Kurz gesagt: Wer mit dem Brompton G-Line auf Reisen geht, ist vielleicht etwas langsamer unterwegs – aber keineswegs übermässig gefordert. Die praktischen Vorteile wie Faltbarkeit und Alltagstauglichkeit können diese Nachteile leicht aufwiegen. Ein so ausgerüstetes G-Line ist ideal für Reisende, die oft mit Bahn oder Bus unterwegs sind, aber auf eine vollwertige Touren-Ausstattung nicht verzichten möchten.

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