16- & 20-Zoll-Brompton Praxisvergleich

Eigentlich scheint die Sache klar: Das 20-Zoll-G-Line fährt sich wie ein ausgewachsenes Fahrrad, das 16-Zoll-Brompton lässt sich leicht transportieren. Doch welches Modell ist ist universeller? Der 16- & 20-Zoll-Brompton Praxisvergleich liefert Antworten.

Viele Leser beschäftigt die Frage: Welches Modell ist die bessere Wahl, wenn man nur ein Faltrad besitzen möchte? Eines, das im Alltag und auch auf Reisen genutzt werden kann.

Ein dreitägiger Kurztrip nach Annecy bietet alles, um die beiden Brompton-Grössen in den gängigen Situationen einer Faltradfahrerin oder eines Faltradfahrers zu testen:

  • Eine Anreise im vollen Intercity und fast leeren Regionalzug
  • Die Unterbringung der Räder in einer (engen) Mietwohnung
  • Eine lockere Seeumrundung und eine längere Tour über Hügel

Anreise mit dem Zug

Die Osterwoche ist bekanntlich eine der anspruchsvollsten Reisezeiten. Man geniesst sie in vollen Zügen, d.h. in engen Verhältnissen. Eine perfekte Umgebung also, um die Transporttauglichkeit der beiden Falträder zu vergleichen.

In einem Intercity wird der Grössenunterschied sofort spürbar. Für das 16-Zoll-Brompton findet sich immer eine Nische. Sei es im Gepäckfach, zwischen den Rückenlehnen oder notfalls direkt vor den eigenen Beinen. Dank seines Gewichts von rund 9 kg lässt sich das T-Line auch locker in die Ablage über den Sitzen heben.

Schon das Einsteigen in den Zug ist mit einem leichten Faltrad viel einfacher. Dort findet ein 16-Zoll-Brompton auch in einem halbvollen Gepäckfach noch Platz.

Beim G-Line ist das anders. In ein bereits teilbelegtes Gepäckfach passt es nur selten. Während der Fahrt musste ich das G-Line deshalb ständig neben meinem Sitz festhalten, was den Reisekomfort einschränkte.

Unsere Gepäcktasche ist am G-Line befestigt, da sich dieses mit schwerem Gepäck besser fährt als das T-Line. So kommen 25 kg zusammen, welche sich auf der Rampe neben der Treppe wie 50 kg anfühlen. Im vollen Zug passt das grössere G-Line nur noch neben den Sitz und versperrt dort den Durchgang etwas.

Im Regionalzug von Genf nach Annecy ist es ganz anders: Hier gibt es grosszügige Abstellplätze für Fahrräder. Man rollt die Räder einfach hinein und sichert sie mit Gurten. Gewicht und Faltmass spielen hier keine Rolle.

Drei Tage in Annecy

Die Altstadt von Annecy lässt sich besser zu Fuss als mit dem Fahrrad erkunden. Die edlen Falter sollen jedoch sicher und behütet in der Unterkunft auf uns warten. Wenn sich die gemietete Wohnung im zweiten Stock befindet und eine gewendelte Treppe nach oben führt, wird das G-Line schwer und sperrig. Mit Gepäcktasche muss man zweimal laufen. Das alles ist etwas unbequem, aber machbar.

Beide Brompton sind gefaltet kompakt genug, um sie eine enge, gewendelte Treppe hochzutragen. Während man das leichte T-Line locker an der Sattelnase hält, trägt man das 7 kg schwerere G-Line am Rahmen und zieht sich mit der anderen Hand am Geländer hoch.

In einer Wohnung kann man beide Räder gefaltet gut unterbringen. In Hotels mit kleinen Zimmern, wie man sie beispielsweise im IBIS regelmässig findet, wird es jedoch eng. Dafür gibt es an solchen Orten aber immer eine Garage oder eine andere Einstellmöglichkeit für die Räder. 

Die Unterbringung von Falträdern ist auch in wenig geräumigen Wohnungen meist kein Problem. In kleinen Hotelzimmern kann es mit dem G-Line aber eng werden.

Die pittoreske Stadt Annecy ist durchaus einen Aufenthalt wert. Die Bezeichnung „Venedig der Alpen” ist zwar etwas überzogen, doch die wenigen Kanäle verleihen dem Ort einen ganz eigenen Charme. Und man kann für einen Touristenort auch erstaunlich gut essen. 

Annecy ist hübsch und liegt in einer grossartigen Landschaft. Um den Charme des Ortes zu erleben, sollte man die Hochsaison jedoch meiden. Die unzähligen Bars, Restaurants und Geschäfte lassen für die Hauptreisezeit nichts Gutes ahnen. 

Die Region um Annecy ist für Falträder nicht besonders gut geeignet. Es wird um den Ort herum zu schnell zu steil. Trotzdem finden sich zwei passende Radtouren: einmal rund um den See und einmal über Hügel nach Aix-les-Bains.

Tour um den Lac d’Annecy

Die Voie Verte am Westufer des Lac d’Annecy bietet eine grandiose Aussicht auf den See und die Berge. Der Weg ist durchweg asphaltiert und vielerorts mit einem schön glatten Belag versehen. Sowohl die 16-Zoll- als auch die 20-Zoll-Räder rollen gut. Beide Brompton fühlen sich hier pudelwohl.

Vor so grandioser Kulisse relativieren sich viele Dinge. So auch der Grössenunterscheid eines 16- und eines 20-Zoll-Brompton.

Auf solchen Strecken ist man mit einem 16-Zoll-Brompton genauso effizient unterwegs wie mit dem G-Line. Durch seine Leichtigkeit fährt sich das T-Line sogar noch angenehmer.

Eine ehemalige Bahntrasse wurde zu einem Fahrradweg umgenutzt. Immer wieder findet man an der Voie Verte schöne Aussichtspunkte.

Bei einem Fotostopp kann man das T-Line bequem zwischen den Beinen halten und es rollt nicht weg, wie es beim G-Line der Fall ist. Mit seinen 16 kg kommt es schon bei kleinsten Neigungen in Bewegung. Zum Beispiel, wenn man es an einen Baum anlehnt.

Über Hügel nach Aix-les-Bains

Im Gegensatz zur flachen Seerunde verlassen wir hier die Komfortzone. Die hügelige Landschaft der Haute-Savoie macht die Unterschiede zwischen dem 20-Zoll-G-Line und dem 16-Zoll-T-Line deutlich. Die Route ist auf der ersten Hälfte geprägt von stetigem Auf und Ab und führt über rund 450 Höhenmeter auf gut 45 Kilometern.

Leider gibt es keine Radwege, die Route verläuft durchwegs auf Landstrassen unterschiedlicher Qualität. Hier laufen die 20-Zoll-Räder des G-Line spürbar besser. Auf Abschnitten mit Schlaglöchern und Verunreinigungen (Kies, Sand, Erde) fühlt man sich deutlich sicherer.

Landstrassen im französischen Hinterland und Kopfsteinpflaster machen die 4 Zoll Unterschied in der Radgrösse fühlbar. Das ist auch wenig erstaunlich, wenn man sieht, was deren Einfluss auf den Radumfang ist. Zudem tragen voluminösere Reifen auch viel zum Fahrkomfort bei.

Aber auch mit 16-Zoll-Rädern erreicht man sein Ziel. Zwar ist man etwas weniger entspannt und etwas ermüdeter, aber dennoch mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht unterwegs. Wer regelmässig mit einem 16-Zoll-Brompton fährt und dessen etwas nervöse Fahreigenschaften beherrscht, kommt auch damit sicher ans Ziel.

Wer so zu Mittag isst, ist selbst schuld. Mit schweren Beinen laufen selbst die grösseren 20-Zoll-Räder nicht mehr gut. Wie gut, dass bei der Rückfahrt nach Annecy ein Zug hilft. Dumm nur, dass die alten Wagen keinen Platz für Gepäck bieten.

Bereits auf der Heimfahrt in einem alten Bahnwagen mit engem Einstieg über drei Stufen und Abteilen für sechs Personen ohne Gepäck gewinnt das kompaktere Brompton wieder. Wäre dieser Zug voll gewesen, hätte ich 40 Minuten im Eingangsbereich mit dem G-Line zwischen den Beinen vor der Toilette verbracht. 

Fazit: Warum weniger manchmal mehr ist

Nach drei Tagen in und um Annecy steht fest: das Ergebnis des 16- & 20-Zoll-Brompton Praxisvergleichs ist deutlicher als erwartet. Der direkte Vergleich hat gezeigt, dass die Wahl des richtigen Faltrads nicht nur von der Beschaffenheit der Wege, sondern auch von den Momenten abseits des Sattels abhängt.

Das klassische 16-Zoll-Brompton ist mehr als nur ein Transportmittel für die letzte Meile oder den Arbeitsweg. Die 45 Kilometer lange Tour mit 450 Höhenmetern nach Aix-les-Bains hat gezeigt, dass man mit einem gut abgestimmten 16-Zoll-Brompton nur wenige Kompromisse eingehen muss. Dank der effizienten Geometrie können auch längere Strecken und Steigungen gelassen in Angriff genommen werden.

Die 20-Zoll-Räder des G-Line versprechen auf dem Papier Souveränität. Doch sobald man das Rad in den zweiten Stock einer Altbauwohnung tragen muss oder damit einen engen Zug betritt, wendet sich das Blatt. Hier ist das G-Line deutlich sperriger. Während das T-Line mit einer Hand getragen werden kann, wird das Manövrieren mit dem massiven G-Line in engen Zugabteilen oder Treppenhäusern zum Kraftakt.

Das G-Line ist perfekt für Touren mit wenig oder schlecht asphaltiertem Untergrund, für Tagesetappen von über 60 km oder Reisen mit viel Gepäck. Für einen solchen Kurztrip reicht jedoch auch ein 16-Zoll-Brompton mit 12 Gängen. Wer ein Faltrad für den Mix aus Alltag, Pendeln und Wochenendtrips sucht, für den ist ein 16-Zoll-Brompton die bessere Wahl.

Es muss nicht das T-Line sein, auch wenn es auf Reisen, im Treppenhaus und im Pendleralltag absolut grossartig ist. Je nach Budget sind auch die Modelle P-Line und C-Line vielseitige und gut transportierbare Falträder. Dabei lohnt es sich jedoch, auf eine kurze Übersetzung zu achten, d. h., das kleinstmögliche Kettenblatt (44 oder gar 39 Zähne) zu wählen, um das Faltrad in möglichst vielen Situationen nutzen zu können.

Das G-Line wird mich auch weiterhin auf Wochentouren mit langen Tagesetappen, reichlich Gepäck und wechselndem Untergrund begleiten. Es trägt vorne und hinten gelassen 10 kg, ohne störrisch zu werden. Es ist eben mehr Fahrrad als Faltrad. Es ist ein Reise- oder Abenteuerrad, das man bei Bedarf falten kann. Aber es ist kein Rad, bei dem die Faltbarkeit das zentrale Kaufkriterium ist.

Wer mehr Beiträge zu Reisen mit dem Faltrad lesen möchte, wird hier fündig:


Kommentare

2 Kommentare zu „16- & 20-Zoll-Brompton Praxisvergleich“

  1. Avatar von Dieter

    vielen Dank für den guten Bericht.
    Für mich ist das T-Line vom Gewicht beim Transport/Zug/Treppe/Lift etc. und auch von der Leichtigkeit beim fahren (leicht und wenig Rollwiederstand) die ideale Variante. Was für mich aber das „Killer“-Argument gegen das G-Line war, ist der zu grosse Q-Faktor (Abstand zwischen den Pedalen). Das G-Line ist wegen der breiteren Reifen zu breit geraten. Für mich wäre G-Line mit der Standard Brompton Felgenbreite viel besser gewesen.

    1. Avatar von Jacques

      Hallo Dieter, danke für Deinen Input. Das ist eine interessante Frage: Wie würde sich das G-Line mit schmaleren Rädern fahren? Persönlich finde ich die breiten Conti angenehm zu fahren, sie halten auch auf Kies etc. recht gut. Aber sie machen das Anfahren auch träge. Ich werde versuchen, was eine Gewichtsreduktion mit den neuen Schwalbe TPU-Schläuchen mit Metallventil bringt.

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