Mit Brompton anstelle Tourenrad reisen

Jahrelang sind wir mit grossen und stabilen Tourenrädern gereist. Mit zwei Backrollern waren sie stets zuverlässige Begleiter. Wir haben viel erlebt, aber irgendwann wollten wir weiter entfernte Gegenden entdecken, mit der Bahn anreisen und unterwegs flexibler sein.

Auf einem ehemaligem Bahntrassee kommt man abseits des Verkehrs durch Ortschaften und schöne Landschaft. Solche Strecken gibt es in Europa viele und sie eignen sich hervorragend für Faltradreisen. Aber man muss erst mal hinkommen.

So wurden die grossen Tourenräder gelegentlich zum Hindernis. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum wir inzwischen öfters mit Brompton anstelle Tourenrad reisen.

Grösserer Radius und interessantere Strecken

Irgendwann hat man alle Radwege in der weiteren Umgebung abgefahren. Es wird Zeit für neue Regionen, auch für solche, die am anderen Ende Europas liegen.

Wir wollten uns dabei keine tagelangen Autofahrten antun, sondern bequem mit Fernverkehrszügen reisen. Ausserdem ist es uns wichtig, von einem anderen Ort als dem Startpunkt heimreisen zu können, was die Routenplanung enorm erleichtert.

So konnten wir auf einer längeren Faltradreise bequem von Lyon nach Genua radeln. Die Anreise nach Lyon und die Rückreise von Genua waren schnell und unkompliziert. Unterwegs konnten wir einige unattraktive Strecken mit öffentlichen Verkehrsmitteln überbrücken.

Früher sind wir mit grossen Tourenrädern und viel zu viel Gepäck gereist. Damit kann man um die Welt reisen, für eine Radreise in Europa ist es jedoch zu viel des Guten. Mit einem Faltrad und klug zusammengestellter Funktionskleidung ist man viel agiler unterwegs.

Leider gibt es in Fernverkehrszügen nur wenige Stellplätze für Fahrräder. Das schränkt die Reisemöglichkeiten besonders in der Ferienzeit stark ein. Auch an Wochenenden gibt es kaum freie Plätze. Mit einem Faltrad ist das jedoch kein Problem, da es als Gepäck gilt. Und für Personen mit Gepäck finden sich fast immer noch freie Plätze.

Die unkomplizierte Transportierbarkeit von Falträdern ist aber auch unterwegs von Vorteil. In grösseren Agglomerationen ist es beispielsweise praktisch, das Faltrad in einer Strassenbahn mitzunehmen, um die Tagesetappe in einer schönen Landschaft statt im Industriegebiet der Agglomeration zu beginnen.

Selbst in eine touristische Dampfbahn kann man ein Faltrad problemlos mitnehmen und die Tour gleich an der Küste von Rügen beginnen. Beim Fliegen gilt ein so verpacktes Brompton als Passagiergepäck und wird ohne mit der Wimper zu zucken angenommen.

Auch wenn es etwas aus der Zeit fällt: Mit dem Brompton kann man relativ unkompliziert fliegen. Wie in der Eisenbahn gelten Falträder in Flugzeugen als normales Passagiergepäck. Bei einigen Fluggesellschaften muss man sie zwar anmelden, es fallen aber keine Extragebühren für Sperrgut oder übergrosse Sportgeräte an.

Diese Vorzüge von Falträdern setzen jedoch eine etwas andere Art des Reisens voraus. Um entspannt und genussvoll unterwegs zu sein, müssen die Länge der Tagesetappen und die Wegbeschaffenheit an die kleineren Laufräder angepasst werden. 

Erlebnisse nicht Kilometer im Mittelpunkt

Falträder eignen sich nur dann als Reiseräder, wenn man keine grossen Strecken zurücklegen möchte. Dafür ist ein Rennrad mit Bikepacking-Taschen besser geeignet. Mit einem Faltrad ist man eben Entdecker, kein Sportler. 

Wie viele Kilometer eine ideale Tagesetappe haben sollte, hängt von verschiedenen Faktoren (Wegbeschaffenheit, Höhenmeter) und der Fitness ab. Für uns haben sich 50 bis 70 Kilometer als sinnvoll erwiesen, da so auch genügend Zeit bleibt, um Sehenswürdigkeiten zu besuchen oder zwischendurch für einen Kaffee anzuhalten.

Dabei ist es wichtig, geeignete Routen zu wählen. Falträder bevorzugen Asphalt gegenüber Kieswegen und mögen keine steile Passstrassen. Das lässt sich leicht sicherstellen, denn Planungswerkzeuge wie Komoot oder Outdooractive liefern auch Angaben zu Höhenmetern und Wegbeschaffenheit.

Bildschirmfoto einer mit Kommot geplanten Route

Tools wie Komoot geben einen gute Überblick über alle relevanten Informationen zur geplanten Route. Man erkennt Steigungen, Strassentypen und Strassenbelag.

Falträder eignen sich bestens, um unterwegs schöne Erlebnisse zu sammeln. Allein die etwas niedrigere Reisegeschwindigkeit und die aufrechtere Sitzposition ermöglichen es, mehr Details entlang der Route wahrzunehmen.

In der Ebene fährt man mit 15 bis 20 km/h und in einem Belastungsbereich, der es erlaubt, die Umgebung wahrzunehmen, statt sich auf die körperliche Leistung zu konzentrieren.

Wir haben festgestellt, dass wir dadurch öfter anhalten, mehr Fotos machen und immer wieder Gespräche mit anderen Menschen beginnen. Mit Falträdern reist man in einem anderen, gemächlicheren Modus. Das Radfahren ist dabei das Mittel, um Erlebnisse zu haben, und nicht der Zweck der Reise. 

Die Möglichkeit, das gefaltete Brompton mitsamt Tasche an der Garderobe von Museen etc. abzugeben, ist auf Reisen ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil, da man sich keine Sorgen um Gepäck und Fahrrad machen muss.

Während dem Einchecken im Hotel muss das Faltrad nicht draussen warten. Man nimmt es mit rein und lässt es gleich in die Bagagerie bringen. Unterwegs sollte man genügend Zeit einplanen, um in einladenden Rastmöglichkeiten eine Pause einzulegen.

Wer kennt sie nicht, die Sorge, das Rad und die Ausrüstung für ein oder zwei Stunden in einer Grossstadt angekettet zurücklassen zu müssen? Wir haben deshalb früher immer wieder auf die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten verzichtet oder jemand hat bei der Ausrüstung Wache gestanden.

Flexibilität und Komfort 

In Europa gibt es wunderschöne Gebiete, in denen es nur wenige Ortschaften mit Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Dort ist es schwierig, immer passende Routen zu finden, die nicht zu kurze oder zu lange Tagesetappen haben.

Auch in solchen Situationen erweist sich die leichte Transportierbarkeit von Falträdern als sehr hilfreich, denn oft findet sich ein Regionalbus, der einen weiterbringt, als die eigenen Beine es könnten.

Es macht auf Radreisen einen grossen Unterschied, stets auch einen Plan B umsetzen zu können. Wenn es einen Tag regnet, kann man die Etappe mit einem Verkehrsmittel überbrücken. Sollte es eine Woche lang regnen, kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer weit genug, um wieder Sonne zu finden.

Ein Tag im Regen geht, eine Woche ist zu viel. Wie gut, wenn man dann mit dem Zug weiterfahren kann.

Generell kann man mit Falträdern seine Reise mutiger planen und bei unsicherem Wetter mehr Risiko eingehen. Es findet sich immer eine Transportmöglichkeit um schon am Vormittag am Zielort zu sein und diesen zu erkunden, anstatt sich einen Tag durch Regen zu kämpfen.

Um diese Vorzüge nutzen zu können, ist leichtes Gepäck essenziell. Schliesslich möchte man mobil sein. Wer 25 kg mitschleppt, hat es schwer, am einen Arm die Taschen und am anderen Arm das Faltrad zu tragen. 

Heute gibt es viele Ausrüstungsgegenstände, die leicht sind und ein kleines Packmass haben. Mit schnelltrocknender Funktionswäsche und der konsequenten Anwendung des Zwiebelprinzips (Funktionshemd, leichte Fliessjacke, Wind- und Regenschutz) kommt man mit 10 kg und einer kompakten Tasche von 15 bis 20 Litern eine Woche lang aus.

Die Einschränkungen

Falträder eignen sich nicht, um in einer Gruppe von grossen Tourenfahrrädern mitzufahren. Man hat dann die Nachteile kleiner Räder (man ist langsamer auf Kies und will keine Bergpreise gewinnen) und kann die Vorteile der Faltbarkeit wegen der anderen Mitfahrer nicht nutzen. 

Man ist auf geeignete Radwege angewiesen. Ein paar Kilometer Kieswege pro Tag sind kein Problem, bei einer Island-Umrundung stossen Falträder aber ebenso an ihre Grenzen wie bei einer Alpenüberquerung mit 1’500 Höhenmetern pro Tag. 

Brompton und viele andere Falträder sind von Haus aus relativ lang übersetzt. Wer mit Gepäck touren möchte, sollte sich ein 39er- oder 44er-Kettenblatt montieren lassen. Dies gilt zumindest, wenn die Schaltung über mindestens acht Gänge mit einer Spreizung von mindestens 300 % verfügt.

Unser Fazit nach einigen Jahren

Für uns haben sich Falträder als Reiseräder gut bewährt. Wir möchten die oben genannten Vorzüge der Faltbarkeit nicht mehr missen. Wir reisen nun weiter als früher und fast immer ökologisch mit der Eisenbahn. So bringen wir mehr schöne Erinnerungen mit nach Hause.

Wir unternehmen jedoch nicht alle Reisen mit unseren Falträdern. Bei Touren mit Freunden oder in besonders ländlichen und hügeligen Gegenden, wie beispielsweise dem Jura, nehmen wir weiterhin Gravelräder oder Mountainbikes mit.

Wie schon in den obersten Zeilen von Faltradleben steht: Falträder eignen sich für vieles, aber nicht für alles. 

Weiterführende Informationen:


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